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„dass Auschwitz nie wieder sei“

Das ARD-Video mit dem Kommentar von Anja Reschke zum gestrigen Holocaust-Gedenktag wurde heute auf meiner (privaten) Facebookseite von so vielen so verschiedenen Menschen geteilt, dass es für mich heute mehr als „nur privat“ ist.

Der Kommentar von Anja Reschke beeindruckt mich und berührt mich in meiner Idee vom Anderland. Adornos Diktum „dass Auschwitz nie wieder sei“ als allererste Forderung an Erziehung (und ich möchte ergänzen: an jeden förderlichen Umgang mit Menschen) bewegt mich in meinen verschiedenen Arbeitsbereichen, ist vielleicht sogar meine unbewusst mitlaufende Grundmotivation: Menschen zu unterstützen im Widerstand gegen menschenverachtende Strukturen und Verhaltensweisen; das stete Ringen darum, menschliche Würde und Integrität zu bewahren, zu schützen, im Angesicht diverser „Marktgängigkeit“… 


Ich beziehe meine Identität nicht aus der Scham über die „in ihrer Abartigkeit so einzigartigen“ Verbrechen – wohl aber ist die trauernde Erinnerung an die über 6 Millionen jüdischer Menschen, an die abertausenden Menschen mit Behinderung, die Homosexuellen, die Sinti und Roma, an diese gewaltsam in ihrer wunderbaren Einzigartigkeit und unantastbaren Gültigkeit geschändeten Lebensgeschichten wesentlicher Teil meiner Identität, prägt meine Werte und – so hoffe ich – mein Handeln.

Und das ist (nicht nur) privat.

 

Die traurige Traurigkeit
Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb. Das heißt, die Gestalt war eher körperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.
„Wer bist du?“ fragte die kleine Frau neugierig und bückte sich ein wenig hinunter. Zwei lichtlose Augen blickten müde auf. „Ich… ich bin die Traurigkeit“, flüsterte eine Stimme so leise, dass die kleine Frau Mühe hatte, sie zu verstehen.
„Ach, die Traurigkeit“, rief sie erfreut aus, fast als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
„Kennst du mich denn“, fragte die Traurigkeit misstrauisch.
„Natürlich kenne ich dich“, antwortete die alte Frau, „immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“
„Ja, aber …“ argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du nicht vor mir, hast du denn keine Angst?“
„Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selber nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst und dich so nicht vertreiben lässt. Aber, was ich dich fragen will, du siehst – verzeih diese absurde Feststellung – du siehst so traurig aus?“

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